Das Lesikon der visuellen KommunikationEhrenpreisKul’urgu’Einige Gedanken zum Thema Redesign, schöne Beine und ein VersuchVorträgeLehrtätigkeitPfingsttagungFreundeGraphismusGestaltung für den ArschAusstellungsbeteiligungenBesprechungen, Interviews und Beiträge inArbeit fürWarten aufPlusquamperfektPräsensPreiseDer Preis der PreiseDesignmaiund innerlich scheint die Sonne

Es gibt einen Designpreis der Bundesrepublik Deutschland, den das Ministerium für Wirtschaft und Technologie jährlich vergibt. Dieser nennt sich selbst den »Preis der Preise«. 2006 wurde ich erstmalig nominiert und stolperte dabei über Aspekte, die mich ausgesprochen ärgerten.

Ich schickte dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos dazu einen Brief (s.u.), den auch die Designzeitschrift Page (08.06) abgedruckte. Im Fontblog ist mittlerweile eine lebhafte Diskussion entstanden. Ehrensenf hatte erfreulicherweise schon im Mai darüber berichtet. Am 6.7.6 brachte die Süddeutsche Zeitung dazu einen Artikel von Tobias Timm (im Feuilleton), am 12.7.6 erschien ein Artikel von Peter Schmitt in der FAZ (»Deutschland und die Welt«) und am gleichen Tag berichtete auch Christina Georgiadis vom biz-AWARDS Newsletter. Am 21.8.6 brachte dazu das ZDF einen Beitrag in der Sendung WISO:

Das Thema stößt sichtlich auf öffentliches Interesse und ich hoffe auf eine entsprechende Änderung oder gar Besserung.


Sehr geehrter Herr Minister!

Vielleicht können Sie mir helfen: es gibt da etwas, das ich nicht verstehe. Ich bin nominiert für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland und freue mich riesig – den »Preis der Preise« zu bekommen, das wäre schön! Den Unterlagen entnehme ich aber, daß es 210 Euro kostet, um am Auswahlverfahren teilnehmen zu können und weitere 2.900 Euro, wenn ich gewinne. Nun bin ich verwirrt. Preis bekommen oder Preis bezahlen?

Vermutlich schlug eines Tages der Rat für Formgebung Ihrem Vorgänger vor: »Warum machen wir nicht mal einen Designpreis, das wäre doch prima! Sie sind Schirmherr und wir erledigen die Arbeit. Sie sind froh, weil Sie international mit tollem deutschen Design glänzen können, wir sind froh, weil wir daran Geld verdienen und die Designer und deren Auftraggeber sind froh, weil sie vom Staat für ihre Leistung gelobt werden.« Nur ich bin nicht froh. 3.100 Euro muß man erst einmal verdienen. Oder wurde angenommen, daß ohnehin nur finanzkräftige Designbüros und Auftraggeber teilnehmen würden?

Ärgerlicherweise sind fast alle Designpreise mit hohen Kosten verbunden. Das kann man für die Privatsache der auslobenden Vereine halten – und derer, die da mitmachen. Daß der Staat – und Sie als sein Repräsentant – das aber unbesehen auch noch auf die Spitze treiben, finde ich skandalös. 3.100 Euro sind meines Wissens hierzulande der höchste Preis für einen Designpreis. Wobei der Preis der Preise, die man vorher bekommen haben muss, um nominiert zu werden, hierin noch gar nicht enthalten ist.

Schauspieler zahlen selbstverständlich nicht für den Oskar, Musiker nicht für den Grammy, Wissenschaftler nicht für den Nobelpreis. Dieser besteht sogar im Gegenteil aus einer hübschen Summe, mit der neue Forschungsvorhaben finanziert werden können. Und das soll bei Designern anders sein? Warum? Wenigstens ein Staatspreis sollte doch den Ehrgeiz haben, die kreative Elite seines Landes finanziell zu fördern und nicht zu schröpfen! Was könnte alles Spannendes entstehen – finanziell gefördert durch Sie! Forschungsarbeit, für die eine Designerin nie beauftragt würde, weil auf Auftraggeberseite niemand die Muße hat, darüber überhaupt nachzudenken …

Der Staat hat zwar Geldsorgen – aber es ist doch nicht so, daß gar keines da wäre. Und auch bei etwas so wenig Lebensnotwendigem wie einem Designpreis sollten Sie darüber nachdenken, was Sie damit bewirken möchten.

Ist Ihnen schon aufgefallen, wie sehr Hochschulen heute von Geld aus der Wirtschaft abhängen? Und wie sehr dadurch die Forschung dem Sinne dieser Geldgeber entspricht? Sie verstehen, worauf ich argumentativ hinaus will: der Staat hat eine Verantwortung für die Freiheit von Wissenschaft und Kultur. Und wenn er sie schon nicht beschützen kann, so sollte er sie wenigstens nicht mit zweifelhaften Aktionen wie einem solchen “Preis der Preise” verhöhnen.

Habe ich nur alles falsch verstanden? Dann würde ich Sie höflich um Aufklärung bitten. Oder habe ich hier eine faule Stelle im Apfel angebohrt? Dann würde ich mich von Herzen über entsprechende Veränderungen freuen. Für Gespräche stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.

Hochachtungsvoll, Ihre
Juli Gudehus


Schon wenige Tage nach dem Versenden des Briefs rief mich der im Ministerium dafür zuständige Referent an. Er betreut das Designpreis-Projekt schon seit vielen Jahren. Hier einige interessante Punkte, die während des Telefonats zur Sprache kamen, und die ich gerne öffentlich zur Diskussion stellen würde:

• Der Referent vertrat die Ansicht, von einem Designpreis hätten vor allem die Designer etwas, die Bürger nicht. Wohl wahr. Aber wieviele Leistungen finanziere ich mit meinen Steuern, von denen ich nichts habe?! Wie versteht der Staat und wie verstehen wir dieses Gemeinwesen, deren Teil wir sind? Sollte es nicht darum gehen, daß dieses Gemeinwesen insgesamt funktioniert, daß es stark und lebendig ist? Ich habe kein Problem damit, vieles zu bezahlen, von dem ich nichts habe, das mich nicht interessiert oder worüber ich vielleicht sogar den Kopf schüttele – solange ich den Eindruck habe, daß der Staat im Großen und Ganzen vernünftig haushaltet und seine Maßnahmen ernsthaft durchdenkt.

• Was der Staat darf und nicht darf, soll und nicht soll, wofür er sich zuständig sieht … diese Frage öffnet ein ganz großes Fass. Ein Beispiel, was für mich in die gleiche Kategorie gehört wie dieser windige Designpreis: Warum »verkauft« sich der Staat, indem er während der Renovierung eines seiner Paradebauten, das Brandenburger Tor, eine gigantische Telekom-Werbung zulässt? Warum gibt es im staatlichen Fernsehen Werbung, ... wie steht es mit dem Bildungsauftrag? Wie kann der Staat zulassen, daß Gelder aus der Wirtschaft, die in die Hochschulen fließen, deren Arbeit, Forschungsvorhaben und Bildungsauftrag entsprechend beeinflussen können?

• Warum wird dieser Preis vom Ministerium für Wirtschaft und Technik verliehen, nicht vom »Kulturstaatsminister«? Während des Gesprächs mit dem Referenten keimte in mir die Erkenntnis, dass es sich bei Designern möglicherweise um » Kulturschaffende zweiter Klasse« handelt. Das Gegenargument des Referenten: Künstlerisch Kreative würden keinen Marktwert generieren, kein Geld damit verdienen. Das sehe ich anders. Maler, Komponisten, Schauspieler, Schriftsteller arbeiten alle, um damit – auch – Geld zu verdienen, wobei das Honorargefälle bei diesen sicher vergleichbar ist mit dem bei Gestaltern. Und natürlich hängt an jeder dieser Kulturschaffenden ein Wirtschaftszweig, der jährlich weltweit für Milliardenumsätze sorgt.

• Natürlich kam das unvermeidliche Argument »das machen wir schon seit 30 Jahren so, Sie sind die erste, die sich beschwert, ich weiß gar nicht was Sie haben«. Diese Argument kenne ich gut. Ein Beispiel: Milchkaffee bekomme ich in Deutschland fast ausnahmslos warm serviert. Es ist aber ein »Heißgetränk« – nicht eines, was mal heiß gewesen ist. Zum Ausgleich dafür ist Eiskaffee auch nicht eiskalt, sondern lau. Ich will aber heißen Milchkaffee und kalten Eiskaffee und ich sage was ich will, damit ich zumindest die Chancen erhöhe, es zu kriegen. Die Schweizer können das übrigens mit dem Kaffee, da muß man nichts sagen, braucht sich nur darüber zu freuen, daß alles seine Richtigkeit hat.

• Braucht Deutschland den Rat für Formgebung überhaupt noch? Sie kennen sicher die Geschichte von den Schildbürgern, die eines Morgens aufwachen und sehen, daß es geschneit hat: »Diamanten« denken sie, »überall«. Um die Bürger davon abzuhalten alles zu zertrampeln, schicken sie ein Kind herum, das alle Bürger informieren soll, damit sie in ihren Häusern bleiben. Damit dieses aber selbst nicht die Pracht zertrampelt, soll ein Mann es tragen. Damit dieser aber mit seinen großen Quanten nichts zertrampelt, stellen sie ihn auf einen Tisch, der von vier starken Männern getragen wird ... etc. Meine generelle Kritik am staatlichen Apparat (die auch für jede andere große Institution gilt): er frißt irrsinnig viel Geld und Zeit um auch nur das kleinste Ergebnis zu erhalten. Mein Anspruch an den Staat ist eine drastische Verschlankung und Vereinfachung, eine Besinnung auf das Wesentliche. Darum vielleicht sogar die Frage: Muß es überhaupt einen staatlichen Designpreis geben?

• Mich würde sehr eine Offenlegung der Kostenstruktur des Deutschen Designpreises interessieren. Mein Gesprächspartner sagte, der Staat zahle etwa die Hälfte der insgesamt 0,5 Mio. Euro Kosten.

• Was spricht dagegen, diese Summe in ein jährliches Fördergeld umzuwandeln, das ausgewählte Gestalter bekommen, um weitere vielversprechende, nicht beauftragte (Forschungs-)Projekte damit zu finanzieren?

Als bedauerlich empfand ich im Nachhinein, dass der Referent mich lediglich anrief und nicht schriftlich antwortete. Angerufen zu werden und die Gelegenheit zu haben, Sachverhalte im Dialog zu klären, finde ich ja zunächst mal gut. Der Nachteil ist, dass ich »nichts in der Hand hatte«, keine »offizielle Stellungnahme«.

PresentPast PerfectPress Coverage, Interviews and Contribution inCommissioned byTeachingLecturesAwardsFriendsGroup ExhibitionsDesignmai

+49 30 62 73 72-80
mail@juligudehus.net
Juli Gudehus
Grunewaldstraße 21
10823 Berlin
Germany