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erschienen in Datapilot 1.0 – Ein Flug über die Außenhaut der Kommunikation (Designklinik), 2006

Wo Menschen früher alles Mögliche eingesetzten, um nach der Notdurft ihr Gesäß zu reinigen, ist seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert das Toilettenpapier von der Rolle weltweit Standard geworden, erfunden von Hans Klenk (Hakle, 1.000-Blatt-Rolle).

Beschaffenheit
Toilettenpapier gibt es in verschiedenen Qualitäten. Schlechteste Qualität ist nahe am Kreppapier, meist aus recyceltem Material, gute Qualität besteht aus besonders saugfähigem, zartem Tissuepapier. Toilettenpapier hat in der Regel eine glatte Oberfläche, ist jedoch gelegentlich mit Prägungen versehen, teils aus Gründen der Stabilisierung des Papiers, teils um das Wischen noch effekiver zu machen, teils aus Dekorationsgründen. Hier zeigen vor allem die Schweizer eine deutliche Vorliebe für Toilettenpapier mit Noppen. Während zum Beispiel Deutsche die Qualität an der Anzahl der Lagen bemessen, und gern kürzere Streifen benutzen, ist Amerikanern, Engländern und Japanern wichtig, dass das Toilettenpapier möglichst zart und fein ist. Sie benutzen längere Streifen von Toilettenpapier in einer Art Bisquittechnik.

Format
Das Format der einzelnen Toilettenpapierblätter, die sich durch eine Perforationslinie voneinander trennen lassen, variiert national. Während in zum Beispiel Deutschland, Holland, Frankreich, Polen, Schweiz etwa Postkartengröße Standard ist (ca. 100 x 140 mm), also etwa im Din-Format, ist das übliche Format in England bereits etw. breiter, ca. 115 x 135 mm. Das extremste bekannte Querformat ist 115 x 102 mm (Thailand), das extremste bekannte Hochformat (nicht mitgezählt Toilettenpapierrollen ohne jegliche Perforation) ist 100 x 366 mm (Werbe-Toilettenpapier von Schmidtspiele, Deutschland).

Farben
Für den Font herrschen außer den Naturtönen zwischen Weiß und Grau oder Beige Pastelltöne vor: Rosa, Apricot, Hellgelb, Hellblau, selten Blasslila, Blassgrün, nie jedoch satte Farben wie Schwarz, Weinrot, Neongrün, Königsblau, etc. Das Papier ist in diesen Fällen immer durchgefärbt. Flächig bedrucktes Toilettenpapier ist unüblich. Umweltbewusste achten darauf, dass ihr Toilettenpapier unbedruckt ist, und billigen allenfalls den Aufdruck, dass es sich um – eben – umweltbewusstes Toilettenpapier handelt. Wenn es einen Aufdruck gibt, ist er meist einfarbig. Nur sehr edles Toilettenpapier wird zwei- oder sogar mehrfarbig bedruckt. Beliebt ist hier wiederum: Rosa und Rosarot, auch Blau, das zusammen mit dem weißen Untergrund so schön hygienisch aussieht, seltener Lila, Orange, Braun oder Grün.

Dekor
Gerne wird Toilettenpapier mit Mustern versehen. Bei den Mustern handelt es sich in den meisten Fällen um »Streumuster«, das heißt ein Motiv wird mehrfach (unregelmäßig) über die Fläche verteilt (»verstreut«). Streifen gibt es – aus nachvollziehbaren Gründen – so gut wie kaum, auch Pünktchenmuster sind selten. Gelegentlich haben Toilettenpapiere eine Prägung im Krokodilmuster, Wellen-, Kreis- oder Karovarianten. Das schließt nicht aus, dass sie auch zusätzlich noch bedruckt sind. Durchgängige Ornamente gibt es so gut wie nicht.

Motive
Vorherrschend ist alles, was weich und flauschig assoziiert wird, als da wären: Bären, Katzen, Hasen, Flaumfedern, Wolken, sowie alles was leicht ist: wiederum Wolken und Flaumfedern, Blätter aller Art, Schmetterlinge, fliegende Vögel und alles was mit angenehmem Duft assoziiert wird, nämlich: Blumen aller Art. Selten sind Motive, die edel wirken sollen, wie zum Beispiel die Lilie der Bourbonen (besonders pikant: dieses französische Hoheitszeichen auf einem englischen Toilettenpapier von Marcs and Spencer …) oder Anspielungen auf das Wasser, wie Fische, Muscheln und anderes Wassergetier. Dass man mit all diesen liebenswerten Geschöpfen etwas weniger Schönes macht, scheint nicht Gegenstand der Überlegungen zu sein.

Zusätze
Manche Toilettenpapiersorten werden parfümiert, gerne mit Kamille-, Pfirsich- oder Rosenduft. Andere werden antibakteriell aktiv. Eine Abart bildet Scherz-, Kunst- und Werbe-Toilettenpapier (»Ambient Media«), das dem Benutzer statt bedeutungsleerem Dekor amüsante oder tiefgründige Inhalte zur Lektüre anbietet (eher selten). Außerdem gibt es noch feuchtes Toilettenpapier, mit einer pflegenden Reinigungslotion getränkt, das jedoch nicht auf der Rolle verkauft wird, sondern zusammengefaltet oder -gerollt, in luftdichten Plastikboxen.

Wer nun eigentlich für die Gestaltung von Toilettenpapier zuständig ist, bleibt der Spekulation überlassen. Erwiesen ist jedoch, dass noch kein renommiertes Designbüro je in diesem Sektor tätig war, denn bis heute gibt es erstaunlicherweise kein Designertoilettenpapier Auch an den Design(hoch)schulen ist dies kein Gegenstand der Betrachtungen. Überhaupt haben wir hier eine wirkliche Design-Wüste vor uns. Trotz aller existierenden Varianten ist Toilettenpapier nach wie vor einer der konservativsten Bereiche der grafischen Gestaltung – ein erstaunlicher Umstand, um nicht zu sagen: Missstand.

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